„Der Zug hat voraussichtlich 60 Minuten Verspätung“, klingt es aus den Lautsprechern über dem Bahnsteig. Ein leises Raunen geht durch die Fahrgastgemeinde. „Der Grund ist ein Notarzteinsatz auf dem Gleis.“ Das Raunen bleibt stecken. Es wird still. Eine Frau hält sich die Hand vor den Mund. Offenbar hat sich wieder „einer heimgedreht“, wie man es im Österreichischen ausdrückt. Wer mochte dieser Mensch gewesen sein? Was trieb ihn? Worin bestand die Kluft zwischen ihm und einer Welt, der er nun nicht mehr angehört? Wen hinterlässt er? Hätte es vermieden werden können? Um solche Fragen versammeln sich die Blicke der Wartenden. Nur wenige Minuten zuvor las ich diese Zeilen von Roger Willemsen: „Wer sich umbringt, sichert sein Überleben nicht selten durch die Arbeit des Deutens. So kommt das hinfällig gewordene Leben doch noch auf die Nachwelt.“

Kurz bevor der Zug hält, tritt ein Mann neben mir an die Tür. Einen Augenblick lang treffen sich unsere Blicke. Ich sehe in zwei verängstigte Augen. Eigentlich ist alles an diesem Mann ruppig und unsentimental: der kurze Hals, die kräftigen Oberarme, die Kurzhaarfrisur, der Aufdruck auf seinem T-Shirt. Alles, bis auf den ängstlichen Blick. Der Mann erschrickt als sich unsere Blicke treffen, weicht aus, starrt erst zu Boden, dann abwechselnd nach rechts und links, als verfolge in jemand. Der Zug hält, der Mann tritt aus der Tür, in der rechten Hand schwingt die Einkaufstüte eines Discounters. Er läuft davon. Ich bleibe stehen. Diese Unsicherheit, kontrastiert zumal durch seine sonstige Erscheinung, hat mich berührt. Da war ein Moment des, nein, nicht Mit-, aber Einfühlens, eine Sekunde der Verbindung, intensiver Begegnung. Sie schwingt in mir nach. Als ich aus dem Bahnhof trete denke ich: wozu das ständige Überzeugend-Auftreten-Wollen, das Abgeklärt-Wirken, Auf-Alles-Eine-Antwort-Wissen, das den Raum der Begegnungen überschattet? Haltungen einer in Konkurrenz organisierten Gesellschaft. Haltungen, die Verbindungen kappen, bevor sie entstehen.

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