Eine Begegnung- was ist das? Und warum misslingt sie? Ein Essay über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Begegnungen in unserer Zeit.

Gerade als der Zug wieder anfährt, bleibt eine Frau vor der Glastür unseres Abteils stehen. Sie blickt uns Sitzende an; erst mich, dann die Frau neben mir. Sie zögert kurz. Plötzlich aber hellt sich ihr Blick auf, sie öffnet die Tür und ruft: „Marie!“. Die beiden Frauen fallen sich in die Arme. „Wie schnell ein Jahr vergeht!“, meint die Frau, die wohl Marie heißt. An der Universität waren sie noch gute, vielleicht beste Freundinnen, wie sich herausstellen wird, doch das mag schon drei Jahre zurück liegen, wenn nicht noch länger.

Die beiden wollen in dieselbe Stadt wie ich. Um dort ein Wochenende mit den Freundinnen von damals zu verbringen. Zu dritt setzen wir die Reise in unserem Abteil fort, die beiden am Fenster einander gegenüber und ich am Gang sitzend. Nach der stürmischen Begrüßung bindet sich die Zugestiegene ihre langen blonden Haare zusammen und beginnt einen Monolog zu halten, über ihre Promotion in der Ethnologie, aufregende Forschungsreisen nach Kirgistan, über den sich ausbreitenden Islam dort und eindrückliche Begegnungen. Sie ist gar nicht mehr zu bremsen und die sie treibende Neugier steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Auch Marie wirkt erst neugierig. Hinter ihren glänzenden braunen Augen scheinen die Erinnerungen an gemeinsame Jahre vorbei zu fliegen. Doch je länger sie zuhört, desto mehr legt sich ihre hohe Stirn in Falten. Sie beginnt sich nervös an den Fingern zu kratzen und ihr schlanker Körper versinkt langsam im Sitz. Als die Freundin den Monolog schließt, sitzt sie verschüchtert da. „Was ist?“, fragt ihre Freundin. „Nichts…also, das macht mir Angst“, antwortet Marie. „Ich? Aber wieso? Freust du dich denn nicht auf das Wochenende?“

„Ähm“, Marie schluckt. „Ich weiß nicht. Ich hab Angst Euch zu treffen.“

Ihre Freundin versteht nicht: „Aber wieso denn?“

„Weißt du“, sagt Marie schließlich, „ich hab einfach nichts zu erzählen.“

 

Seit jener Zugfahrt sind bereits einige Wochen vergangen. Sie ist mir jedoch im Gedächtnis geblieben. Vermutlich, weil ich ungewollt dabei war, als die gelöste Atmosphäre des Wiedersehens so plötzlich in Bedrückung umschlug. Als diese Begegnung so plötzlich misslang. Doch was machte Marie so viel Angst? Was war das für ein Leben, das nichts zu erzählen hat? Warum misslang diese Begegnung? Vielleicht hilft es, zunächst zu fragen: Was ist überhaupt eine Begegnung?

Zu den Grundbedingungen menschlicher Existenz gehört die Pluralität. Dass es so etwas wie „den Menschen“, im Sinne eines einsamen, autarken Wesens, gar nicht gibt. Es gibt schon immer und allein „die Menschen“. Und dieser Pluralität wohnen zwei Eigenschaften inne, die uns zunächst gegensätzlich erscheinen: unsere Gleichartigkeit und unsere Verschiedenheit. „Ohne Gleichartigkeit gäbe es keine Verständigung unter Lebenden“, schreibt die Politische Theoretikerin Hannah Arendt in der vita activa, „kein Verstehen der Toten und kein Planen für eine Welt, die nicht mehr von uns, aber doch immer noch von unseresgleichen bevölkert sein wird. Ohne die Verschiedenheit, das absolute Unterschiedensein jeder Person von jeder anderen, die ist, war oder sein wird, bedürfte es weder der Sprache noch des Handelns für eine Verständigung.“

Wir gleichen uns einander, in dem wir uns alle für einen Menschen halten. Doch sind wir auch verschieden voneinander, jeder von uns ein Mensch, und doch ein anderer Mensch. Das eröffnet uns die Möglichkeit, einander als Gleichartige zu begegnen. Gleichzeitig aber macht es die Begegnung existenziell notwendig, weil wir nur in ihr etwas über den anderen erfahren, über die Welt, die jenseits unseres Ichs liegt und in der wir uns zurecht finden müssen. Die Begegnung ist Möglichkeit und Voraussetzung zugleich. Für Verständigung, Irritation, für Konflikte. Aber eben auch für Einigkeit, Geborgenheit, die ein jeder braucht, für Halt und für Sicherheit. Und vergessen wir nicht, auch wenn der Gedanke daran uns vielleicht anekeln wird: erst durch eine Begegnung kamen wir überhaupt zustande, wie wohl jedem nächsten Menschen die Begegnung zweier anderer vorausgeht. Sprechen wir also über die Begegnung zweier Menschen, dann sprechen wir über eine Keimzelle des menschlichen Lebens.

 

Es wirkt auf mich, als habe die Begegnung im Zug ihr Versprechen nicht eingelöst. Freude, Nähe, ja auch Halt in der Gewissheit, eine alte Freundschaft aufrechterhalten zu können- das scheint mir, hatte sich Marie von der Begegnung erhofft. Ausgelöst aber hat sie das Gegenteil: Angst, Einschüchterung, Unsicherheit. Allein, es scheint mir schleierhaft, weshalb. Zu Beginn grüßten sie sich noch herzlich, freuten sich ehrlich und rührend, auch ich war ja ein wenig gerührt, schließlich ist man nicht alle Tage dabei wenn sich zwei Menschen, die einander wichtig sind, nach langer Zeit wiedersehen. In diesem Moment begegneten sie sich, ohne mehr über die andere zu wissen, als die schlichte Tatsache, dass sie da ist. Allein die Anwesenheit eines Menschen beglückte sie.

Im Anschluss begann die Freundin ihren langen Vortrag zu halten, der sicher zehn Minuten verschlang. In ihm kamen ihre Erlebnisse zur Sprache, einschneidende Erfahrungen, mit der Promotion auch vollbrachte Leistungen und Fähigkeiten. Genauso ihre Ziele, Pläne für die Zukunft, die ihrer Erscheinung Zielstrebigkeit verliehen, unterstrichen zumal durch den Hosenanzug und die sicheren Gesten. Ich würde all das zusammenfassen als das von ihr Hervorgebrachte.

Als nun dies Hervorgebrachte den Raum zwischen den beiden gefüllt hatte, kippte die Stimmung. Marie zog sich zurück und wurde nervös. Weshalb? Das Wesen der Begegnung, so wirkte es auf mich, hatte sich geändert.

Am Anfang begegneten sich zwei Menschen, interessiert am Wesen des Anderen, am Befinden, an einem Lächeln, an körperlicher Nähe- ich konnte sehen wie sie sich einander zuneigten. Es war die nichts verlangende, an keinen Zweck gebundene und deshalb richtungslose Schönheit, die sie ineinander erblickten. In diesem ersten Moment gelang die Begegnung, weil sie das eigentlich menschliche des Menschen teilten (und sich erinnerten, es früher geteilt zu haben);  Sie interessierten sich für das Wer der Person und das scheint im Unterschied zum Was der Hervorbringungen zu bedeuten, dass sie sich für eine Existenz als solche interessierten, und nicht für das von der Existenz Hervorgebrachte. In diesem ersten Moment spürten sie ihre gegenseitige Zuneigung.

 Später jedoch, ich sagte das bereits, schien es mir, als änderte sich das Wesen der Begegnung. Es saßen sich weiterhin zwei Menschen einander gegenüber, das schon. Im Mittelpunkt stand jedoch nicht mehr das Wer der Person, nicht der Mensch qua Mensch. Sondern ein Was der Hervorbringungen. Die Begegnung wurde zu einer Art Tauschhandel: ich zeige dir was ich in meinem Leben hervorgebracht habe und anschließend tust du es mir gleich und zum Schluss wägen wir es gegeneinander ab. Die Währung, in der Hervorgebrachtes gehandelt wird, ist die Anerkennung. Es scheint, als vergewissere sie den Handelnden in seiner Daseinsberechtigung.

 Auf der einen Seite stand die Begegnung, in der die Begegnenden jeweils den Menschen qua Menschen erblicken. Wo sie ehrlich über das Befinden sprechen können, nach Freuden, Ängsten, vielleicht auch nach der Liebe fragen, wo sie sich dem Dasein des Anderen öffnen und so etwas wie Zuneigung, im besten Sinne des Wortes empfinden können, weil sie sich dem Wesen des Gegenübers zuneigen. Zwischen den beiden Menschen entsteht eine Verbindung.

Darauf folgte der Austausch über das Was der Hervorbringungen. Vielleicht besteht sein wesentlichster Unterschied zur ersten Form der Begegnung in seiner Funktion. Während es dort darum geht, sich füreinander zu interessieren, geht es in dieser Form der Begegnung vielmehr darum, Interesse zu wecken. Weil wir uns über das Wer unserer eigenen Person nie wirklich im Klaren sind und nicht wissen, wie wir auf den anderen wirken, und auch nicht, ob die nackte Anwesenheit bereits reicht, damit der andere sich für uns interessiert, sich vielleicht sogar über uns freut, versuchen wir uns mit dem Was unserer Hervorbringungen interessant zu machen. Wenn wir jedoch darauf bedacht sind, Interesse zu wecken, können wir uns nicht im selben Maße interessieren, uns einander nicht zuneigen. Deshalb bleibt nur die Anerkennung des Gegenübers, die uns über fehlende Nähe hinwegtäuscht.

Gewiss, sie setzt voraus, dass der andere das von uns Hervorgebrachte ebenso, oder zumindest ähnlich begehrenswert findet wie wir. Das merken wir, wenn wir Freunden von einem Treffen mit diesem oder jenem Idol vorschwärmen, meinetwegen einem Schriftsteller oder einer Schlagersängerin und nur darauf warten neidische Blicke zu ernten. Und dann passiert doch stattdessen überhaupt nichts, außer einem leichten Schulterzucken vielleicht, das die Gleichgültigkeit der Freunde unterstreicht. Die Anerkennung deutet das Erreichen eines Zieles an, das sowohl der Anerkannte, als auch der Anerkennende für begehrenswert hielten.

Marie wurde nervös, weil sie das Gefühl hatte, nach ihrer Freundin nun ebenfalls ein großes Was an Hervorgebrachtem vor ihr ausbreiten zu müssen. Allein, sie konnte es nicht. Ich weiß nicht weshalb, ich wusste ja überhaupt nichts über sie, ob sie nach dem Studium keine Arbeit gefunden hatte, oder nur keine die ihr gefiel, ob sie vielleicht überhaupt nicht wusste, wofür dieses Leben nützlich sein sollte, das man ihr ungefragt geschenkt.

All diese Unsicherheiten, deren Wesen und Ursachen ich nicht kannte, und die doch so unübersehbar in ihr Gesicht geschrieben waren und in das Kratzen ihrer Finger, sie wären belanglos geblieben in einer Begegnung, in der sich Marie nicht aufgefordert gefühlt hätte, Interesse an ihrer Person zu wecken. Als jedoch das von ihrer Freundin  Hervorgebrachte den Raum zwischen den sich Begegnenden einnahm, löste sich die Verbindung zwischen ihnen, ja Marie fühlte sich jetzt aufgefordert und hatte nichts entgegenzusetzen.

Vermutlich verlangte ihre Freundin gar nicht bewusst, interessierte sie sich viel mehr als für dies und das, welches Marie in ihrem Leben tut, für ihr Befinden, ja wahrscheinlich freute sie sich einfach sie zu sehen und gewiss war es nicht ihr Wunsch, Marie einzuschüchtern. Und doch stellte sie ziemlich bald, nach dem sie sich gesetzt hatten, ihr Was der Hervorbringungen in den Mittelpunkt des Gesprächs. Und setzte Marie so unter Druck. Aber warum eigentlich?

Das Wesen der Begegnung hatte sich gewandelt. Die Verbindung, die zwischen den Freundinnen entstanden war, kippte in eine Formation gegenseitiger Konkurrenz um, die zumindest Marie, wenn vielleicht auch nicht bewusst, und doch umso stärker empfand. Weshalb aber kippt eine Begegnung zwischen Freundinnen in eine Konkurrenzbeziehung um? Weshalb empfinden sie nicht die Zuneigung des Anderen und suchen die Anerkennung?

Wenn wir an den gewaltigen Umwälzungsprozess denken, den wir die Moderne nennen und an den materiellen Wohlstand, den er zumindest in unseren Breiten gebracht hat, dann kommen wir an einem seiner Vordenker nicht vorbei: an Adam Smith.  „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen“, schrieb er im „Wohlstand der Nationen“, „sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.“

Wenn ein Unternehmer seine eigenen Interessen verfolgt, wird er sich zwangsläufig an den Wünschen seiner Kunden orientieren müssen, dachte Smith, denn von der Beliebtheit seiner Waren auf dem Markt wird sein Erfolg abhängen. Der Markt, und damit die Kunden des Unternehmers, profitieren von seinem Egoismus. Dieses scheinbar paradoxe Prinzip liegt unserem Wirtschaftssystem heute so selbstverständlich zugrunde, als handele es sich bei einem rein rational abwägendem Menschen, dem „homo oeconomicus“ um ein alternativloses Geschöpf.

Dieser Gedanke, von Smith noch bedächtig, allein auf den Bereich des Handels beschränkt, formuliert, treibt unsere Gesellschaft mit großer Wucht vor sich her. Er ist die Triebfeder der Akkumulation von Kapital, der wir unseren „Wohlstand“ verdanken. Was wir angesichts dieser Wucht jedoch offenbar weitestgehend übersehen haben ist, dass wir mit unserem Einverständnis diese Form des Wirtschaftens zu betreiben, uns gleichsam unsere Fähigkeit abgesprochen haben, selbstlos zu sein.

Denn längst erklären wir uns nicht mehr allein die Funktionsweisen des Marktes durch rational bestimmtes Verhalten (und tun Smith seither unrecht)- in den Rational-Choice Theorien der Sozialwissenschaft wird schon seit geraumer Zeit der Versuch unternommen, den Menschen auf ein Wesen zu reduzieren, das Entscheidungen grundsätzlich durch das Abwägen von Kosten und Nutzen trifft, indem es den höchst möglichen Nutzen wählt. Ihre fortwährende Ausbreitung und Akzeptanz zu erwähnen, genügt, um das Ausmaß an Herabwürdigung anzudeuten, das die Vorstellung vom Menschsein in den letzten Jahren erfahren hat.

 Nichts Absolutes lässt sich über die Natur des Menschen sagen. Wir wissen nicht, warum wir leben, und letztlich auch nicht, als was. Auch meine Überzeugung, dass der Mensch ein immer schon soziales Wesen ist, das sowohl zu selbstloser Liebe fähig ist, als auch dazu, sich ehrlich zu interessieren und zu solidarisieren, werde ich nicht beweisen können. Allein, es muss schon klar sein, was der Philosoph Jacob Taubes schrieb: „Die Gedanken sind frei, aber nicht folgenlos.“ Verlockend leicht ist es, sich mit Adam Smith im Egoismus baden, der unseren Wohlstand hervorgebracht hat; der Mensch lässt sich seine Fähigkeit absprechen, selbstlos zu sein – nur wird er sie dann womöglich auch verlieren.

Mit der Moderne kam die zunehmende Verdrängung der Zuneigung in die Welt. Nicht, dass es sie vorher im Überfluss gegeben hätte. Doch erst durch den Kapitalismus wurde der Egoismus zum „Gemeinwohl“ fördernden Prinzip erhoben und somit in den Mantel des Anständigen gehüllt. Seither stellt sich der Mensch für weite Teile der Sozialwissenschaften als ein Wesen dar, das sein Leben damit verbringt, Ressourcen zu mehren. Nicht nur finanzielle, auch kulturelle und eben auch soziale Ressourcen, das was wir beispielsweise Freundschaft nennen, versucht der Mensch scheinbar in immer größerem Maße anzuhäufen.

Die Begegnung Maries aus einer solchen Perspektive betrachtend, wirkt es verständlich, dass ihre Freundin versucht war, Interesse zu wecken, anstatt sich zu interessieren. Wenn eine Begegnung sich durch Eigeninteresse begründet, scheint es ratsam, Werbung für sich zu machen, um mit einem wozu auch immer später nützlichen Kontakt mehr, in die Welt hinauszuschreiten.

„Diejenigen jedoch, die der Warenmarkt in der Öffentlichkeit versammelt“, meint Hannah Arendt, „sind primär nicht Personen, sondern Produzenten, und was sie zu Markte tragen und zur Schau stellen, sind ihre Erzeugnisse und nicht (…) das spezifische Wer der Person. Der Impuls, der den Hersteller in die Öffentlichkeit und auf den Markt drängt, ist nicht das Verlangen nach anderen Menschen, sondern das Interesse an anderen Erzeugnisse.“ Es ist, als nähere sich der Vergleich zwischen den Herstellenden und den Freundinnen, der Analogie.

Wollte Maries Freundin mit ihrer Begegnung „soziales Kapital“ sammeln, läge es für sie nahe, Werbung mit dem Was der Hervorbringungen zu machen. Das Wer einer Person lässt sich schließlich nicht instrumentalisieren, es ist kein irgendwie nützliches „Erzeugnis“. Es wird nicht durch Leistungen attraktiver, es ist richtungslos, nirgendwohin wollend, einfach nur da. Gewiss ändert sich unser Wer der Person von Zeit zu Zeit, werden wir zärtlicher oder verlieren unser beiläufiges Lächeln, natürlich ist es nicht losgelöst von unseren Hervorbringungen und wird es ebenso von ihm beeinflusst wie es sie beeinflusst. Doch vor allem verfügen wir nicht über das Wer unserer Person und können wir uns, das was wir im Kern sind, nicht inszenieren. Wir bleiben blind dafür und nur wer uns begegnet, uns nahe kommt, wird es näherungsweise zu fassen kriegen.

Doch war die Begegnung für Maris Freundin nichts als ein Tauschhandel mit gegenseitiger Anerkennung? Dachte sie so, wie es die Rational-Choice Theoretiker von ihr erwarten? War echte Zuneigung gar nicht erst möglich? Dafür spräche, dass sie so schnell mit ihren Hervorbringungen rausrückte. Dagegen, dass ihre Begrüßung so ehrlich und herzlich war, dass sie eigentlich nicht so wirkte, jedenfalls nicht auf mich, als wolle sie Marie ausnutzen. Wenn sie aber Zuneigung empfand, weshalb stützte sich ihre Begegnung dennoch so schnell auf die erhoffte Anerkennung? Natürlich ließe sich einwenden, was offensichtlich ist: dass sich auch Freundinnen erzählen, was sie so machen. Das erklärte jedoch nicht Maries Reaktion, ihre Einschüchterung, ja vielleicht erscheint die Begegnung überhaupt vor allem von ihrer Seite aus betrachtet merkwürdig. Oder anders gesagt: erscheint das Reden ihrer Freundin erst im Lichte der provozierten Reaktion fragwürdig.

Das Moment ihrer Verkrampfung, verlieh der Begegnung etwas Bedrückendes. Es schien mir, als unterliege die Begegnung einer gewissen Zwangsläufigkeit. Als laste ein großer Druck auf den beiden, die ihre Art und Weise zu sprechen und zu reagieren beeinflusste. Als fügten sie sich nur ungern der Rationalität, als fühlten sie sich nicht wohl in der Rolle der mit Anerkennung Handel Treibenden. Und könnten sich doch nicht aus ihr befreien.

Wären Marie und ihre Freundin denkende und liebende Menschen, wie es ihnen so gerne zugestünde, dann müsste es ihnen doch ein leichtes sein, sich über die Imperative des Marktes hinwegzusetzen, sie gleichsam in die Tonne zu treten und zu sagen, hallo, hier sind wir wieder und mögen uns, und was wir schaffen und nicht schaffen ist uns scheißegal, weil nicht die gegenseitige Anerkennung für unsere Errungenschaften uns eint, sondern verdammt nochmal die Geheimnisse, die wir uns auf den endlosen Spaziergängen anvertrauten, die Tränen, die Tonnen gemeinsam verzehrter Eiskugeln, die schlechten Witze und schrägen Menschen, die wir auf unseren Reisen trafen und dass wir all das immer wieder aufs Neue erblicken, wenn wir in das Gesicht des anderen schauen! …?

Allein, so einfach ist es wohl nicht: Neben dem Prinzip des Egoismus, wurzelt kapitalistisches Denken auch in der Idee der Aneignung von Besitz, die mit der Enteignung von Eigentum einherging. Im Stammesverband lebten Menschen lange Zeit relativ autark auf einem Grundstück, das sie über Generationen hinweg bewohnten. Sie bewirtschafteten ihr Felder, von denen sie sich ernähren und deren Überschuss an Ernte sie auf Märkten weiterverkaufen. Die Herstellung von Werkzeug und anderen Gebrauchsgütern vollzog sich zum größten Teil ebenfalls innerhalb des Stammesverbundes.

Die Industrialisierung nun setzte ausgehend von Westeuropa einen Prozess der Arbeitsteilung und Ausdifferenzierung in Gang, der sie wiederum unwahrscheinlich beschleunigte. Durch ihn wurde die Produktionskraft einzelner Stämme oder Familien gebündelt und die Produktion von Gütern (und mit ihr die Akkumulation von Kapital) in die Hände der Fabrikbesitzer gegeben, die nun nicht mehr alles Lebensnotwendige produzierten wie der autarke Stamm, aber doch das ihre Gut in erheblich größerem Umfang. Es soll jedoch nicht die Geschichte der Ausdifferenzierung oder Arbeitsteilung nacherzählt werden. Vielmehr geht es mir nur um einen Aspekt, der mit diesem Prozess zu Grunde lag: die Enteignung.

Am Anfang des Akkumulation stand die Enteignung der Bauern. Durch die Ausdifferenzierung der Produktionsprozesse fiel das, was sie einmal Eigentum genannt hatten, ihr ortsgebundenes, gegenständliches Vermögen, mehr und mehr in die Hände der besitzenden Klasse, und zwar nicht mehr, in Form von gegenständlichem Eigentum, sondern in Form von Geld, das sie als Kapital losgelöst von weltlicher Gegenständlichkeit oder Ortsgebundenheit einsetzen konnten. Was den Bauern schließlich an „Eigentum“ übrigblieb, war allein ihre körperliche Arbeitskraft, die sie zu Abhängigen von der besitzenden Klasse machte. Kapital entstand auf der Grundlage der Enteignung, durch den Diebstahl am Eigentum.

Der Verlust von ortsgebundenem, gegenständlichem Eigentum hat sich immer weiter bis in unsere Gegenwart fortgesetzt und ist in unserer flächendeckenden Abhängigkeit von dem, was wir Arbeitsmarkt nennen, gemündet. Ob einer zur Miete wohnt, ein Auto besitzt, das wieder aufgetankt werden will, oder nur eines „sharen“ möchte, das sich jeden Kilometer bezahlen lässt oder ob er seine Kleider und Lebensmittel in Geschäften kauft- er muss fähig sein, „laufende Kosten“ zu decken, immer wieder aufs Neue Geld in den Markt zu geben, um zu überleben, und noch mehr, um am „gesellschaftlichen“ Leben teilzuhaben.

Als Kind einer gutverdienenden bürgerlichen Familie, kam es mir selbstverständlich vor zu studieren und frei zu entscheiden, wohin mein Lebensweg einmal führen sollte. Im Auslandsjahr nach dem Abitur schienen die Möglichkeiten unbegrenzt, ganz wie es das Land versprach, das ich bereiste. Worüber ich mir nicht im Klaren war, war die Unausweichlichkeit des Zwanges, mich irgendwann doch zu entscheiden. So frei ich mich fühlte, wurzelte diese Freiheit allein im Wohlwollen meiner Eltern, die die Last ihrer Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt nicht früher als nötig auf meine Schultern übertragen wollten.

Seit den Anfängen des Kapitalismus hat sich diese Abhängigkeit immer weiter entwickelt und das Phänomen der „Individualisierung“  hervorgebracht, das der Soziologe Ulrich Beck zuerst benannte: Unsere Zurückgeworfenheit auf das individuelle Was unserer Hervorbringungen. Einerseits leben wir unter den Imperativen des Marktes, in der Sicherung unserer Existenz auf unser persönliches „Arbeitsmarktschicksal“ verwiesen.  Zugleich entziehen sich die Spielregeln, auf die wir verwiesen werden immer offensichtlicher unserem Zugriff. So sehr uns niemand mehr zwingt dieses oder jenes zu glauben, diesen oder jenen Beruf zu ergreifen oder diese oder jene Person zu heiraten, so sehr sind wir doch gezwungen, unser Leben den Spielregeln der Marktwirtschaft zu unterwerfen. Das ist, wenn man so will, die Kehrseite unserer in der spätkapitalistischen Gesellschaft gewonnen Freiheiten.

Mitnichten ist es so, als bemerkten wir im Alltag diese Spielregeln noch. Sie sind in den Bereich des Selbstverständlichen gesickert. Und mit ihnen die Konkurrenz als Grundformation menschlicher Begegnung. Zuneigung und Solidarität zwischen Menschen, versucht der Markt durch das ihm inhärente Prinzip des Wettbewerbs zu unterlaufen. Anstatt uns füreinander zu interessieren, uns einander zuzuneigen, sind wir es gewohnt uns zu beweisen, uns als Konkurrenten gegenüber zu stehen, die Hervorgebrachtes vergleichen. Das war schon so, als sie in der Grundschule unsere ersten Klassenarbeiten benoteten, als wir am Wochenende zu den Fußballspielen fuhren, und war uns schon lange nicht mehr bewusst, als wir uns gegenseitig von der geplanten Bachelorarbeit berichteten.

Der Soziologe Ulrich Beck schrieb 1983 in seinem Essay Jenseits von Stand und Klasse?: „Konkurrenz beruht auf Austauschbarkeit und setzt damit den Zwang frei, diese Austauschbarkeit durch Betonung und Inszenierung der Besonderheit, Einmaligkeit und Individualität der eigenen Leistung und Person zu unterlaufen und zu minimieren. Wachsender Konkurrenzdruck führt in diesem Sinne zu einer Individualisierung unter Gleichen. (…) Gerade dort, wo (noch) Gemeinsamkeiten bestehen, werden diese im Säurebad der Konkurrenz aufgelöst. Konkurrenz zerstört in diesem Sinne die Gleichheit der Gleichen, ohne sie allerdings aufzuheben, und erzwingt dadurch eine Vereinzelung innerhalb homogener sozialer Lagen, Bezugs- und Kontaktkreise.“

Sobald das Was der Hervorbringungen im Raum stand, spürte Marie eben jenes Konkurrenzverhältnis zwischen ihr und ihrer Freundin aufziehen. Sie fühlte sich nicht in der Lage, was auch immer die Gründe dafür waren, mit ihrer Freundin mitzuhalten. Die Begegnung, die mit zwei sich einander öffnenden Wesen begonnen hatte, mit verspürter Zuneigung, löste sich im Säurebad der Konkurrenz auf. Marie fühlte sich als Wesen, einfach nur durch ihr Dasein, nicht wertvoll genug, um ihre Freundinnen zu bereichern. Sie fühlte sich zurückgeworfen auf sich und ihr eigenes „Versagen“, das sie in den Hervorbringungen der Freundin manifestiert sah.

„Ich habe einfach nichts zu erzählen“- dieser wohl sprechendste Satz des Dialogs, bezieht sich auf das Was ihrer Hervorbringungen. Dabei gehört es doch gerade zum Wesen der Freundschaft, und vielleicht mehr noch zu dem der Liebe, dass sich in ihr der Raum dessen, was wir für erzählenswert halten, weitet und weitet. In ihn passen längst nicht nur Vollbrachtes, Geleistetes, Geplantes, Erträumtes, nein. Gerade dort, wo wir uns einander zuneigen, interessieren wir uns noch für die absurdesten Banalitäten und Intimitäten im Leben des oder der Anderen. Wir sprechen darüber, was wir kochen könnten, über schlechte Träume und juckendes Duschgel. Wir lachen über entfahrene Fürze, sorgen uns um ausbleibende Blutungen. Und gerade darin liegt die Geborgenheit, die uns die Liebe und die Freundschaft verspricht, dass wir uns einander erzählen und uns füreinander interessieren, und zwar weit über den Bereich unserer Hervorbringungen hinaus bis hinein in die Abgründe unseres Daseins, die nun wirklich keinen marktwirtschaftlichen Kriterien genügen und die doch viel eher zu uns gehören, zum Wer unserer Person, als das glanzvolle Ich, das wir in den Begegnungen zu inszenieren gelernt haben.

Natürlich leidet nicht allein Marie unter den Pathologien, die uns der Arbeitsmarkt aufzwingt. Auch ihre Freundin folgt der Logik der Inszenierung und der Konkurrenz, und der Unterschied zwischen ihnen besteht allein darin, dass sie sich innerhalb dieses Spiels für den Moment besser zu behaupten weiß, dass sie nicht so orientierungslos ist. Es erscheint jedoch nicht weniger tragisch, wenn wir sehen, wie sehr sie das Was ihrer Hervorbringungen an das Wer ihrer Person gekettet hat, so dass sie es sogleich für das Erzählenswerteste an ihrem Leben hält, an ihrer Person, und den Unterschied zwischen beidem gar nicht mehr erkennt. Dieses Problem brachte einmal mehr Hannah Arendt auf den Punkt: „Stolz ist nur möglich in dem Vertrauen, daß Wer-jemand-ist an Größe und Bedeutung alles übersteigt, was dieser Jemand möglicherweise leisten und vollbringen mag. (…) Auf das stolz zu sein, was man getan hat, dazu wird sich nur das Vulgäre herablassen; und diejenigen die sich zu dieser Herablassung bereitfinden, werden ‚die Sklaven und Gefangenen‘ ihrer eigenen Fähigkeiten, wobei sie vielleicht sogar entdecken könnten, sofern mehr von ihnen übrigbleibt als die reine, stupide Eitelkeit, daß es nicht weniger bitter, vielleicht aber noch beschämender ist, der Sklave seiner selbst als der Diener eines anderen zu sein.“

Umso perfider scheint die von Beck formulierte Vereinzelung dort zu wirken, wo sich Menschen noch vor jeder Form von Hilfe und Solidarität verschließen, weil sie sie als erdrückend empfinden. In ihnen scheint der Glaube tief verankert, dass sie ihr gesellschaftlich bedingtes Schicksal autark in den Griff bekommen müssen- dass sie eine „starke Persönlichkeit“ werden müssen.

Solange sie ihrem Gegenüber vor allem beim Was ihrer Hervorbringungen begegnen und statt Zuneigung zu empfinden, Anerkennung suchen müssen, gelingt es ihnen nicht, Hilfe, Solidarität oder auch nur Nähe anzunehmen. Die Suche nach Anerkennung verhindert, dass sich einer in seiner Schwäche entblößt. In einem Fall des Sich vor anderen Versperrens aber, wäre die Abhängigkeit und Konkurrenz, nicht nur die Ursache der Ängste und inneren Abgründe. Sie wäre sogleich auch der Grund dafür, weshalb sie nicht aus der Welt geschafft werden könnten. Dem Arbeitsmarkt liegt nichts an unserer Entblößung- er kann nichts besser gebrauchen, als mobile, flexible, an keine Solidarität zu anderen Menschen gebundene Arbeitskräfte, die sich für ihn und seine Zwecke aufopfern. Das Beharren auf dem „Ich muss das alleine schaffen“, bedeutete die innere Kapitulation vor dem Markt und die (ungewollte) Verneinung einer solidarischen Lebensweise.

In eine ähnliche Richtung wirkt das Versprechen des sich stetig steigernden Lebens: sich hinter jeder Ecke einen besseren Beruf, spannendere Orte, bessere Freunde, oder gar die größere Liebe zu versprechen, gehört ebenfalls zu den Verheißungen, die uns der Individualismus eingeflüstert hat. Was dieser als Freiheit propagiert, könnte mit Blick auf Ulrich Beck aber auch schlicht die schleichende Vereinzelung bedeuten- die der Preis für das ungebundene Miteinander und die ewige Suche nach dem wahren „Ich“ wäre.

„Mach dich bloß nicht abhängig!“, schallt es uns von den Illustrierten über die Ratgeber bis hin zu den Psychologen entgegen. Und sicher, wer sich an einen Menschen bindet, macht sich abhängig. Allein, wer zur Steigerung verdammt, wer zum „Sklaven seiner Fähigkeiten“ geworden ist, zum Getriebenen seiner Sehnsüchte- wie unabhängig ist ein solcher?

„Ich will was werden!“, lautet das Lebensprogramm der Vielen. Und so sehr es das Versprechen auf eine große Zukunft enthält- sein eigentliches Wesen enthüllt es doch im Lichte der Gegenwart. Denn wo einer erst werden muss, da kann er noch nicht sein. Das Versprechen auf zukünftige Größe, bedeutet vor allem die Negierung der gegenwärtigen. Es ist die Manifestation des eigenen Ungenügens.

Ob wir nun zu denjenigen gehören, die viel Hervorgebrachtes mit sich tragen oder jenen, die nicht einmal wissen, wo sie anfangen sollten etwas hervorzubringen oder jenen irgendwo dazwischen- ich zweifele nicht daran, dass wir fähig sind Zuneigung zu empfinden, uns unsere Abgründe zu offenbaren, uns über Ängste hinwegzuhelfen und eine Verbindung zwischen uns aufzubauen. Jedoch scheint mir, als fiele es uns am leichtesten, wo das gegenseitig zugestandene Maß an Anerkennung ausgeglichen ist, wo wir uns im Austausch über das Was der Hervorbringungen weder über- noch unterlegen fühlen und keinen Druck ausüben und auch nicht verspüren. Als wäre auch die Begegnung zwischen Marie und ihrer Freundin unbeschwert geblieben, wenn Marie etwas entgegen zu setzen gehabt hätte oder ihre Freundin nicht so viel hervorgebracht.

Die Anerkennung könnte so zur Vorbedingung gegenseitiger Zuneigung geworden sein und bedingungslose Zuneigung, die sich allein aufgrund der Begegnung mit einer Existenz, mit einem Wer der Person entsteht, mehr und mehr unmöglich. Träfe es wirklich zu, dass Anerkennung, Zuneigung nicht nur oftmals ersetzt, sondern sich auch Untertan macht, dann erschiene mir das Tragische hieran zu sein, dass wir es kaum mehr bemerkten. Dass wir die Mauern der Abweisung, die wir zwischen uns errichten ließen, nicht einmal mehr wahrnähmen.

 

Nicht allein die Wiedersehensfreude bestimmte die Begegnung zwischen Marie und ihrer Freundin. Und es war keine überbordende Profilierungsgier, an der ihre Begegnung scheiterte, ebenso wenig, wie Maries Leben eines ist, das nichts zu erzählen hat. Vielmehr standen sie, ohne es zu merken, in Konkurrenz zueinander. In einer Konkurrenz, die durch unsere Abhängigkeit vom Markt zur Grundformation unserer Begegnungen geworden ist. Die sich der Selbstverständlichkeit nähert und Begegnungen, die eigentlich eine Verbindung ermöglichen könnten, systematisch unterläuft und vergiftet. Dieses innere Vergiftetsein, das uns zu Konkurrenten ausruft, ist der Preis, den wir für die Art zu leben zahlen, in die wir hineingeboren wurden und die wir mit unserer Teilnahme an ihr, am Leben erhalten. Es macht aus Zuneigung Schenkenden, Anerkennung Suchende. Es macht aus Sich Berührenden, Unberührbare.

Nirgendwo hinterlässt diese Unberührbarkeit tiefere Wunden als in der Liebe. Die ihr Dasein nicht für liebenswert halten und stattdessen die Anerkennung suchen, werden blind für die Existenzform jener, die sie lieben. Als Unberührbare erreicht sie diese Liebe nicht. Sie können nicht auf sie antworten und sie verschwindet aus dem Blickfeld. Wenn es um die Gefühle des sie Liebenden geht, wird das „Ich weiß nicht, über was wir sprechen sollten“, zum Mantra der Unberührten. Und wer sie dennoch liebt, wessen Existenzform die des Liebenden geworden ist, der wird sich nicht nur abgewiesen fühlen. Es wird ihm regelrecht so vorkommen, als habe man ihm seine Existenz abgesprochen. Für die Unberührbaren gibt es den Berührenden nicht- und es ist unschwer sich vorzustellen, in welchen Abgrund einer stürzt, dem man seine Existenz abspricht.

Fast bin ich versucht zu fragen: gibt es Hoffnung? Für Marie und ihre Freundin? Für die vielen anderen Begegnungen, für die Marie und ihre Freundin stellvertretend stehen? Für die Orientierungslosen? Für die Sklaven ihrer Fähigkeiten? Für die Unberührten? Für die Begegnung überhaupt, für die Keimzelle des Lebens?

 Der Imperativ, der da lautet: „Präsentiere dich!“, er geht vom Markt aus. Doch was weiß der Markt über die großen Fragen des Lebens? Was antwortet er uns, wenn wir ihn nach dem Warum des Lebens fragen? Er wird allein Zwecke formulieren: Tue dies, um jenes zu erreichen! In einer Begegnung zu Konkurrenten zu werden, bedeutet zweckmäßig zu werden. Das eigene Dasein zum Mittel eines angestrebten Erfolgs zu reduzieren. Und es bedeutet austauschbar zu werden. Allein, kein Leben sollte austauschbar sein. Kein Mensch ersetzlich. Wir sollten uns nicht zu Mitteln reduzieren lassen für Zwecke, die wiederum nur Mittel sind für immer neue Zwecke. Einmal im Sog der Zweck-Mittel-Kategorien gefangen, stünden wir irgendwann so staunend wie ratlos vor der Frage, die Lessing dem Utilitarismus stellte: Was ist der Nutzen des Nutzens?

„Ein Zweck, der erreicht ist, hört ja damit auf, ein Zweck zu sein; er hat die Fähigkeit verloren, die Auswahl bestimmter Mittel zu indizieren, sie zu rechtfertigen, sie zu organisieren und zu produzieren“, schreibt Arendt. „Ein Sinn dagegen muß beständig sein, und er darf von seinem Charakter nichts verlieren, wenn er sich erfüllt.“ Wenn wir uns bewusst machen, wie wenig wir Menschen über die Ursache oder den Sinn unserer Existenz wissen, sollte uns doch zumindest die Selbstverständlichkeit verwundern, mit der uns die Imperative der Gegenwart unter Druck setzen und damit unsere Begegnungen. Vielleicht ist schon viel geholfen, wenn wir nach Sinn überhaupt zu fragen beginnen: wer sind wir eigentlich, was ist dieses Menschsein?

Die Realität lässt sich schwer leugnen. Allein, wir müssen uns ihr nicht unterwerfen. Ich glaube an die Schönheit des Menschen. Daran, dass wir es in der Hand haben zu entscheiden, wer wir sein wollen. Wir dürfen vergessen, was dieser oder jener, ja was wir selbst hervorgebracht haben, wir dürfen uns einander zuneigen, wir dürfen sinnhaft werden. Durch nichts als unser Dasein.

Und es gibt noch etwas, das mir Hoffnung macht. In dem Moment, da Marie sagt: „ich habe Angst“, und später, „ich habe einfach nichts zu erzählen“, durchbricht sie den Tauschhandel mit dem Was der Hervorbringungen. Sie zeigt ihre Schwäche offen, eine Eigenschaft, die ihr im Tauschhandel nichts nutzt. Doch gerade mit der Schwäche erobert das Wer ihrer Person wieder den Raum zwischen den beiden. Maries Mut, in die Abgründe ihres Daseins Einblick zu geben, ermöglicht der Begegnung, wieder verbindend zu werden. Ihre Entblößung hilft der Freundin, sich zu interessieren, anstatt Interesse zu wecken. Die Entblößung der Schwäche ebnet den Weg für gegenseitige Zuneigung. Dass wir Menschen diesen Mut zur Entblößung haben können, auch das macht mir Hoffnung.

„Wer seine Lage erkannt hat“, schreibt Bertolt Brecht, „wie soll der aufzuhalten sein?“

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