Gegen den politisch ahnungslosen Trump hätten gute Argumente geholfen. Doch für sie hat unsere Welt keine Zeit mehr. Eine zeitsoziologische Betrachtung.

Trumps Sieg ist ein Desaster. Erst recht, wenn man betrachtet, welche Koalition sich entschlossen hatte ihn aufzuhalten: Nicht die großen Zeitungen, die Universitäten, unzählige namhafte KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und nicht einmal die mitreißenden Reden der Obamas konnten seine Wahl verhindern. Nahezu alle intellektuellen Kräfte stemmten sich gegen ihn. Vergeblich. Die Wahl Trumps bedeutet deshalb neben vielem anderen auch den (vorläufigen) Niedergang des intellektuellen Diskurses, die Entmachtung des besseren Arguments. Entmachtet aber wurde es nicht durch Trump. Entmachtet hat das bessere Argument die Zeit.

Mit seinen menschenverachtenden Botschaften, aber auch mit seinem Unvermögen, sich inhaltlich fundiert zu positionieren, kam er durch. Weil sich erstere schon nach Tagen unter einem Berg neuer Eindrücke begraben sahen und sich die Welt so keine Zeit ließ, letzteres einzufordern. Sie hätte es lieber getan. Zu Reden allein nämlich, hält keine Demokratie über Wasser.

Schon Jürgen Habermas führte  in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ soziale Pathologien, zu denen man den Wahlsieg eines Faschisten gewiss zählen darf, auf die „Verzerrung von Kommunikationsverhältnissen“ zurück. Seiner Vorstellung von einer demokratischen Gesellschaft lag die Annahme zugrunde, das jeder Herrschafts-, Wissens-, Wert- oder Wahrheitsanspruch nur gelten könne, wenn diesem ein „herrschaftsfreier Diskurs“ voraus ginge. Ein Diskurs, zu dem alle Argumente freien Zugang finden müssten, um verglichen und abgewägt zu werden. Nur so ließe sich der „zwanglose Zwang“ des besseren Arguments verwirklichen, das als überzeugend in der Folge andere Haltungen dominieren dürfe. So wie wir von der Würde des Menschen nicht deshalb überzeugt sind, weil sie tatsächlich alternativlos wäre, sondern weil sie sich unter den Menschenbildern als das am wenigsten blutige erwiesen hat.

Autoritäre Regime verstehen sich gut darauf, den herrschaftsfreien Diskurs zu untergraben, indem sie unliebsame Argumente und Stimmen verschwinden lassen. Doch es gibt noch einen zweiten Hebel, um ihn zu verhindern. Denn der herrschaftsfreie Diskurs fordert Zeit. Umso mehr, je komplexer Zusammenhänge in einer globalisierten Welt werden und je langwieriger das Formulieren und Abwägen der Argumente. Das ist nicht per se schlecht. Gleichzeitig jedoch erhöht sich die Frequenz neu einprasselnder Themen, die besprochen sein wollen. Sodass Langwierigkeit zum Nachteil gerät und sich der Raum für das fundierte Argument schließt, noch bevor es Gehör findet.

Die Frequenz, in der uns neue Informationen erreichen, erhöht sich vor allem durch den technologischen Fortschritt. Dieser führt zu einer Beschleunigung der Kommunikationskanäle, Transportwege und Produktionsprozesse. Ihren Motor findet er in der kapitalistischen Wettbewerbslogik und dem, was der Zeitsoziologe Hartmut Rosa die „Verheißung der Ewigkeit“ nennt: Ein wesentliches Merkmal der säkularen Gesellschaft, so Rosa, sei die Konzentration auf das Diesseits. Das religiöse Versprechen des ewigen Lebens ersetze die säkulare Gesellschaft durch die Beschleunigung des Lebenstempos, die dem Menschen immer mehr Erfahrungen in immer kürzerer Zeit ermögliche. Sie sei „die moderne Antwort auf das Problem der Endlichkeit und des Todes.“

Wer in derselben Lebensspanne mehr von der Welt haben will, muss immer schneller reisen und immer mehr Informationen in derselben Zeit zur Verfügung haben. Den Durst nach „mehr Welt“ stillt die Beschleunigung der Mobilität und der Kommunikation. Sie verändern das Verhältnis des Menschen zu Raum und Zeit und versprechen ein zufriedeneres, weil an Erlebnissen reicheres Leben. Auf dem Gebiet der Welterfahrung entlarvt sich das Versprechen als uneinlösbar, wo sich für den Menschen mit den Möglichkeiten stets auch die unerfüllten Wünsche mehren. Auf dem Gebiet der Kommunikation aber bleibt die Enttäuschung keine persönliche. Die unhinterfragte Beschleunigung der Kommunikation gefährdet das Fundament der Demokratie: den Diskurs.

Wo kein Raum mehr bleibt um Argumente zu entwickeln, sie zu formulieren und abzuwägen, verliert das bessere Argument gegenüber dem spontanen Bauchgefühl, Vorurteil und den Bildern an Macht. Hartmut Rosa bezeichnet den durch die soziale Beschleunigung ausgelösten Niedergang des herrschaftsfreien Diskurses als „ästhetische Wende“ in der Politik. In seinem „Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit“ schreibt er: „Es sieht ganz danach aus, als ob Worte- und erst recht Argumente- (…) angesichts der Geschwindigkeit in der spätmodernen Welt zu langsam geworden sind.“

Die auseinanderdriftenden Tendenzen immer zeitaufwändigerer Diskurse und der immer knapperen, ihm zur Verfügung stehenden (Zeit)räume, bieten Anlass zur Sorge. Nicht nur in türkischen Gefängnissen, wo sich die inhaftierte Opposition nach nicht einmal einer Woche, von der Weltpresse wieder recht alleingelassen fühlen dürfte. Wenn fundierte Argumente kein Gehör mehr finden und sogar derart relevante Diskurse, wie ein Präsidentschaftswahlkampf, ohne wirklich kluge Antworten auskommen müssen, droht das Streben der Moderne nach autonomer Lebensführung an sich selbst zu ersticken.

Dass die Menschen gleich an Würde geboren werden und „die Gestalt unseres Lebens das Ergebnis kultureller, philosophischer, sozialer, ökologischer und religiöser Überzeugung ist und nicht „blinder“ natürlicher sozialer oder ökonomischer Einflüsse“, wie Rosa schreibt, verspricht die Moderne. Ein Versprechen, das natürlich nie wirklich eingelöst wurde, das aber nur eingelöst werden kann, wenn sich eine Gesellschaft die dafür notwendigen Lebensbedingungen in einem demokratischen Willensbildungsprozess schafft, damit jedem einzelnen ebendiese Freiheiten gewährt werden können. Die soziale Beschleunigung war stets Voraussetzung, diese Lebensbedingungen zu realisieren, weil nur eine bis in ihre Grundfesten veränderbare und sich verändernde Gesellschaft, aus der festen Ständestruktur vormoderner Gesellschaften führen konnte.

Die technische Beschleunigung als eines der Gesichter sozialer Beschleunigung, ist vom Begleiter des sozialen Wandels hin zur Demokratie, jedoch zu einer autonomen, bestimmenden Kraft geworden. Deutlicher als bei Trumps Wahlsieg, war dies noch nie zu spüren. Der furchterregende Takt der Tweets und Kommentare, der unaufhaltsame und unmittelbar auf Bildschirme projizierte Strom an Meldungen, ja die Zeit, die seinetwegen zu fehlen scheint, sie sind das Kind einer nach Demokratie strebenden Moderne. Und ersticken gleichzeitig den fundierten Diskurs, den es braucht, um eine Demokratie am Leben zu halten. Gebraucht hätte.

Schuldige wird man für diese katastrophale Wahl viele finden. Die Zeit, oder besser ihr Fehlen, wird nicht zu ihnen zählen. Denn es gehört zu den bitteren Missverständnissen unserer Epoche, dass eine Mehrheit das technisch Mögliche stets für erstrebenswert hält. Und die knapper werdenden Zeitfenster der Argumente, für eine natürliche Entwicklung. Die gute Nachricht ist: Sie sind es nicht. Die schlechte aber: Um das zu erkennen, müsste man sich viel Zeit nehmen.

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