Immer noch sitzen Menschen in Griechenland fest und auch in anderen Regionen spitzt sich die Lage zu. In Deutschland regt sich kaum Widerstand.

Zusan und Mosshen leben mit ihren vier Kindern in einem Militärzelt, auf vielleicht 12 Quadratmetern. Aufrechtes Stehen ist darin unmöglich. Um ihr Zuhause herum reihen sich dicht gedrängt rund hundert Zelte auf dem Boden einer alten Fabrikhalle auf. In der ehemaligen Papierfabrik „Softex“  in einem kargen Industriegebiet bei Thessaloniki, ist es selbst tagsüber düster und durch den geschlossenen Raum schallen ununterbrochen die Schreie der Kinder und die Ermahnungen ihrer überforderten Eltern. Das gelieferte Essen ist mies, die Stadt weit und das Geld nach sechs Monaten der Flucht weg. Das Warten der Menschen darauf „das Leben fortsetzen zu können“, wie Mosshen immer sagt, man kann es nur ein Überleben nennen.

Als ich den beiden das erste Mal begegnet bin, hielt Mosshen einen flammenden Appell in die Kamera meines Freundes Abdulazeez. In seiner Botschaft an Europa erklärte er: „Der Krieg hat uns gezwungen hierher zu kommen. Doch wir sind keine Feinde- wir sind Freunde.“ Und Freunde wurden wir dann wirklich. Kaum ein Tag verging, da meine Freundin und ich uns nicht zu ihnen setzten, den Geschichten von früher und den Sorgen der Gegenwart lauschten, gemeinsam lachten und versuchten, ihnen Hoffnung auf eine Zukunft zu machen. Bedrückende Stunden. Intensive Stunden. Schöne Stunden. Bis meine Freundin zurück nach Deutschland flog.

Ich blieb alleine zurück. Aus der Sicht Zusans und Mosshens dachte ich, aus der Sicht zweier vom Krieg Zerrütteter und um die Freiheit beraubter, mochte dies kein tragischer Umstand sein. Zumal ich wusste wo und wann wir uns wieder sehen würden. Und weil ich noch dazu einfach in ein Flugzeug steigen und sie besuchen kann.

Zusan und Mosshen aber waren nicht nur ehrlich traurig über ihren Abschied. An mich gewandt sagten sie: „Ab morgen sind wir deine Familie hier. Und wenn du traurig bist, kommst du her und wir sind zusammen traurig. Und wenn du weinen musst, weinen wir gemeinsam.“

Es überrascht kaum, dass mich diese Geste berührt hat. Ihre Hinwendung, die es ihnen nicht erlaubte meine Gefühle zu ignorieren. Könnten sie aus ihrer Perspektive noch so belanglos scheinen. Dass sie mich ernst nahmen, gleichwohl ich ihnen zugestanden hätte meine Befindlichkeiten für nichtig zu erklären. Allein, sie taten es nicht. Sie fühlten mit, baten mir ihre Gemeinschaft an, nein, mehr noch, sie baten mir an, Teil ihrer Familie zu werden. Und ich nahm ihren als Angebot getarnten Entschluss in den kommenden Wochen dankbar an.

Die beiden lehrten mir, dass Humanismus in der Begegnung mit und der Hinwendung zum Einzelnen beginnt und ohne sie nicht auskommt. Wer Mitmenschlichkeit seine Eigenschaft nennt und sein Mitgefühl an „die Menschen“ adressiert, muss damit auch jeden einzelnen meinen. Wer humanistische Ideale vertritt, gerne in einer Gesellschaft lebt, die sich diese Ideale in ihre Verfassung schreibt, sollte nicht ruhig sitzen bleiben, wenn die Gesellschaft den Einzelnen vergisst. Wenn sie beginnt, sich vor Menschen wie Zusan und Mosshen zu schützen.

Es war schwer, in Lagern wie dem Softex-Camp zu sein, schwer der Gleichgültigkeit europäischer Bürger ins Gesicht zu blicken.

Nicht das erst kürzlich vom Schmutz befreite Kolosseum ist schließlich mehr Europa, nicht der Eiffelturm oder die ordentlich hergerichteten Straßen deutscher, niederländischer oder sonst welcher Städte. Nicht Schengen, nicht die Schwulenbars und Satiresendungen.

Was in Softex passiert, das ist Europa.

Denn was sind unsere Freiheiten wert, unsere liberalen Gesellschaften und die Ideale, auf denen wir sie errichteten, wenn wir sie ausgerechnet jenen verwehren, jene im Dreck verwahrlosen lassen, die keine Möglichkeit mehr kannten, als uns um unsere Hilfe zu bitten.

Der Ausverkauf unserer Werte hat begonnen. Jener Werte, die wir Europäer so sicher in unserem Besitz wähnen, dass wir in einer atemberaubenden Selbstverständlichkeit Regierungen ferner Länder ob ihrer Menschenrechtsverletzungen kritisieren. Dabei ist die Leitdifferenz, nach der wir als Gesellschaft Entscheidungen treffen, längst nicht mehr die zwischen menschenrechtskonform und -unkonform. Die Leitdifferenz ist eine ökonomische und vormals auch nur für die Ökonomie vorgesehene: Das Geld.

Dass sich eine Entscheidung, ein Gesetz finanziell rechnet, wird als Argument in kaum einer Debatte mehr ausgespart. Es ist durch seine penetrante Präsenz und ständige Behauptung zu einem Totschlagargument geworden. Selbst vermeintliche Fürsprecher humaner Politik glauben sich im Besitz des entscheidenden Argumentes, wenn sie die ökonomischen Vorteile ihrer Haltung besprechen. So forderte Peer Steinbrück 2013 im Bundestag die Aufnahme Geflüchteter, weil diese die deutsche Wirtschaft stärkten.

Wir Europäer scheinen die Orientierung verloren zu haben. Wen wundert es, dass sich BürgerInnen an einfache, ihren Lebensstandard erhaltende Antworten auf die Flüchtlingskrise klammern, wenn die Politik diesen Lebensstandard als das höchste Gut der Gesellschaft verkauft. Wenn PolitikerInnen vorleben, dass man Menschenrechte aushöhlen, sein Mitgefühl auf Eis legen darf, damit die eigene heile Welt erhalten bleibt. Wenn Thomas Strobl die Aussetzung der Familienzusammenführung in Talkshows mit einem Schulterzucken rechtfertigt oder Thomas de Maizière behauptet, man müsse die Bilder an den Grenzen „jetzt einfach mal aushalten“.

Lebensfeindliche Äußerungen sind das. Ich habe Kinder getroffen, die ihre Väter seit anderthalb Jahren nicht gesehen haben, habe ihre leeren Blicke registriert. Als ich in Deutschland landete, habe ich miterlebt, wie eine Mutter und ihre drei Töchter nach einem Jahr der Trennung den Vater und Bruder am Ausgang des Flughafens erblickten. Ich sah, wie die Mädchen ihre Sachen fallen ließen, hinaus rannten, um ihrem Bruder um den Hals zu fallen. Wie sich die Geduld, all die Kraft, die die Trennung gekostet haben muss, in einem Freudenschrei entlud. Das Leben. So nah, so nackt, so schön.

Navid Kermani lag richtig, als er in seiner Rede bei der Trauerfeier für Rupert Neudeck in Anlehnung an de Maizières Ausspruch sagte, wir müssten diese Bilder aushalten, weil es uns schwer fiele, nicht mit zu fühlen. Das Mitgefühl sei der natürliche Impuls des Menschen, betonte er. Um das zu erkennen und eine Gesellschaft zu formen, der an der Erlösung der Menschen von ihrem Leid mehr gelegen ist, als an der Verdrängung dieses Leides, müssen wir uns neu orientieren. Bisher fehlt das gesellschaftliche Projekt, das dem Einzelnen in diesem Land außerhalb seiner individuellen, zumeist ökonomischen Erfolgsgeschichte Sinn verspricht.

Eine Gesellschaft, die nicht nur nach innen gerechter organisiert ist, sondern die ihren Wohlstand auch nicht auf dem Rücken des Rests der Welt errichtet, wäre so ein Projekt. Ein zusammenwachsendes Europa, das sich nicht vor der Wirklichkeit verbarrikadiert und an der Verwirklichung einer freieren, gerechteren Welt beteiligt anstatt ärmere Erdteile auszubeuten, ein anderes.

Das Hemmnis einen solchen Wandel einzuleiten, liegt jedoch in der Voraussetzung,  PolitikerInnen zu wählen, die nicht mehr primär unsere eigenen Interessen vertreten. Die jenseits von einfachen Antworten und Versprechungen operieren, sich nicht mehr nur dem deutschen Volk verpflichtet fühlen oder gar nur dem bayerischen. Viele Menschen in diesem Land scheuen sich nicht, PolitkerInnen zu unterstützen, die keinen Hehl daraus machen, in erster Linie Deutsche Interessen zu vertreten. Scheiß drauf, was draußen abgeht.

Dabei ist der gemütliche Stoizismus, mit dem sich viele unter Verdrängung der Realität zur Rente mühen, voraussetzungsvoller als es den meisten bewusst ist. Wer versucht ist, einzig das eigene Dasein und vielleicht das der Familie so komfortabel wie möglich zu gestalten, übersieht, wie gering sein Anteil daran ist.

Frieden ist die Voraussetzung für die Weise, auf der wir uns angewöhnt haben zu leben. Wir nehmen ihn zu selbstverständlich an. Nicht allein unsere Vergangenheit oder die erschütternde Gegenwart Syriens lehren uns seine Fragilität. Wer Hasskommentare im Netz liest, die Rhetorik der AfD oder des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes verfolgt, dem muss bange werden. „Allein, dass das Niveau zwischenmenschlicher Brutalität nicht mehr nur die Zuspitzung eines Mediums ist, sondern Tiefpunkt des Niveaus der Wirklichkeit- das ist gewiss“, schrieb vor einiger Zeit die Autorin Carolin Emcke in ihrer Kolumne in der Süddeutschen Zeitung.

Dass wir uns nicht mehr angesprochen fühlen, wenn es um „die Gesellschaft“ geht, in der Menschen Verantwortung übernehmen müssen, um sie in ihrer jetzigen Form auch nur zu erhalten, verwundert nicht. Die sich stetig beschleunigende, nach Effizienz strebende Gesellschaft verlangt nach immer spezielleren Rollen für den Einzelnen. Arbeit differenziert sich weiter aus, Spezialisten werden geboren, qualifiziert für komplexe Aufgaben in immer kleineren Fachgebieten. Die Gesellschaft sendet die Menschen in immer entlegenere Winkel der Arbeitswelt. In diesen Rollen aber genügen sich die meisten.

Es fehlt oft der Rückbezug, das Reflektieren über die Resultate der getanen Arbeit und ihr Einordnen in den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Und weil viele sich so immer weniger als mündige Mitglieder der Gesellschaft begreifen, nimmt auch das Interesse an öffentlichen Diskursen ab und auf lange Sicht das Wissen um selbige. Das macht es Demagogen wie Petry oder Trump leicht, abseits der Wahrheit zu agieren. Die Ferne und damit die Ahnungslosigkeit, aus der und mit der sie den Islam oder die Flüchtlingskrise betrachten, haben sie mit ihren Wählern gemein. Sie überzeugen sie nicht mit der Wahrheit, sondern mit der Deutungshoheit darüber, was wahr ist. Ihren Hass, die tödliche Gefahr der Ausgrenzung und Stigmatisierung jedoch sollten wir fürchten. Und bekämpfen.

Wir müssen uns zurückbesinnen- erkennen, dass wir nicht in erster Linie Ingenieure sind oder Unternehmensberater, nicht Mittel- oder  Unterschicht, nicht Christen, Muslime oder ungläubig. Sondern Menschen. Dass wir diesen Planeten teilen und es keine wesentlicheren Aufgaben gibt, als unser Zusammenleben friedlich zu organisieren. Dass wir uns mit der umweltgerechten Trennung von Müll und der Saugkraft von Haushaltsschwämmen in dieser Ausführlichkeit nur beschäftigen dürfen, weil uns keine Bomben auf den Kopf fallen. Dass wir in einem Land leben, das sich die Unantastbarkeit der menschlichen Würde ganz oben in die Verfassung geschrieben hat. Der menschlichen Würde. Nicht der deutschen.

Zusan und Mosshen spüren davon in diesen Tagen weiter nichts. Ihre Kraft schwindet, sie werden müder. Würdeloser. „Für meine Kinder bin ich der Papa, der es schon geregelt bekommt“, sagte mir Mosshen einmal und ergänzte: „Ich bekomme es aber nicht geregelt. Vor ihnen muss ich stark sein. Aber eigentlich habe ich keine Kraft mehr.“ Dabei könnten wir von Zusan und Mosshen so viel lernen- über den Schrecken des Krieges, den kostbaren Frieden und über das Mensch Sein. Der Krieg hat Botschafter des Wesentlichen aus ihnen gemacht. Wir müssten ihnen nur zuhören.

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