Im Zentrum Athens leben geflüchtete Familien in einem besetzten Hotel. Ein Besuch.

Auf dem blauen Teppich verstummen die Schritte, neben dem Spiegel hängt ein kleiner, festinstallierter Föhn, gegenüber stehen zwei schmucklose Betten. Zwischen dem unpersönlichen Interieur des Hotelzimmers aber, gebaut für die flüchtige Begegnung, breiten sich Klamotten aus, Wasserpistolen und ein Fußball. Viel mehr, als man für einen Kurztrip nach Athen mitnehmen würde.

Denn Abdul-Rahmidin und Mariam Khalaf bleiben mit ihren vier Kindern hier. Weil sie müssen. Die Familie aus Hazaka in Syrien gehört zu den knapp 400 Geflüchteten, die im Zentrum Athens im besetzten „Hotel City Plaza“ Zuflucht gefunden haben. Es ist eines von derzeit sechs Gebäuden, das von AktivistInnen besetzt und zur Unterbringung Geflüchteter genutzt wird. Zwei ehemalige Schulen sind darunter, ein leeres Krankenhaus, ein weiteres ungenutztes Hotel und das Gebäude einer Sozialversicherung. Im Phänomen der Besetzung finden Finanz- und Flüchtlingskrise zueinander.

„In Griechenland können wir nur essen, schlafen und wieder aufwachen. Wir leben wie Tiere.“, sagt Abdul-Rahmidin. Dennoch ist der 34-jährige froh, das vom Krieg zerrüttete Syrien und das enge Lager auf der griechischen Insel Liros gegen ein Zimmer im Hotel City Plaza eingetauscht zu haben. Er sitzt auf einem Stuhl in der Mitte des Zimmers, neben ihm füttert Mariam Khalaf den jüngsten Sohn, Yussef. Der ist gerade einmal 7 Monate alt und der Grund für ihren Aufenthalt in Athen.

Eigentliche kam die Familie zu spät, erst Anfang April nach Griechenland. Da war der EU-Türkei-Deal bereits beschlossene Sache. Dass sie auf das Festland gelassen wurden, verdanken sie einer Genitalfehlstellung Yussefs. Nur weil er operiert werden musste, ließ man die Familie gewähren. Im Krankenhaus schließlich machte sie eine britische Hilfsorganisation auf das besetzte Hotel aufmerksam, in dem die Khalafs seit nunmehr zwei Monaten Unterschlupf finden.

Das Hotel City Plaza steht seit 2012 leer. Ende April diesen Jahres wurde das Gebäude von AktivistInnen gestürmt. Wobei es „gestürmt“ nicht ganz tifft: „Wir sind früh morgens einfach reinspaziert und mussten nur putzen. Das Gebäude war ziemlich gut in Schuss“, meint Aliki Kosyfologou, eine der AktivistInnen. Sie sitzt am Eingang und lässt sich von den BewohnerInnen einen gelben Ausweis zeigen, den jeder beim Einzug erhält. Das Grüßen der Eintretenden formt ihren durchdringenden Blick jedes Mal zu einem Lächeln.

Bereits am ersten Tag der Besetzung zogen 200 Menschen ein. Weil die AktivistInnen gut vernetzt sind und der Bedarf riesig ist. Immer noch schlafen Geflüchtete auf der Straße, sieht sich die Regierung mit der Unterbringung der Menschen überfordert. Der rasche Einzug der Geflüchteten stellte die Stadtverwaltung zudem innerhalb weniger Stunden vor vollendete Tatsachen, so dass sie sich gezwungen sah, das Projekt seitdem stillschweigend zu billigen. Nach zwei Wochen war der Laden bereits voll, die Fluktuation ist seither gering- die Wenigsten kommen schnell auf legalem Weg weiter und wer feststeckt, gibt sein Zimmer nicht auf.

Über 50 Freiwillige halten das Hotel City Plaza deshalb gemeinsam mit einer stetig zusammenwachsenden Gemeinschaft von BewohnerInnen am Laufen. Die Freiwilligen kommen aus ganz Europa, aus der Nachbarschaft oder, wie Aliki, aus der lokalen linken Szene. Wie die meisten jungen Menschen in Griechenland, hat sie nur eine schlecht bezahlte und befristete Anstellung. Als Sozialwissenschaftlerin forscht sie an der Universität zu Genderfragen. „Meine Generation ist unter Stress, wir blicken in eine ungewisse Zukunft.“, sagt die 32-jährige: „Das verbindet uns mit den Geflüchteten.“

Als Aliki durch das Gebäude führt, vorbei an der Rezeption, die tatsächlich wieder Neuankömmlingen zur Anmeldung dient, toben Kinder im Treppenhaus umher, herrscht geschäftiges Treiben in der Hotelbar und bereiten fleißige Hände in der Großküche bereits das Mittagessen vor. Unter ihnen ist auch Abdul-Rahmidin. Er weist die Jugendlichen ein, erklärt ihnen, wo sie die rund 40 Reissäcke stapeln sollen, die gerade angeliefert wurden. Jeden Tag wird gemeinsam gekocht, Freiwillige wie Geflüchtete tragen sich in Schichtlisten ein. Rund 800 Portionen werden täglich zubereitet, aus lokalen Spenden und durch Crowdfunding finanziert. Bleibt etwas über, wird es am nahe gelegenen Victoria-Platz verteilt, einem der zentralen Treffpunkte für Geflüchtete in Athen.

Während Abdul-Rahmidin in der Küche hilft, probieren sich seine sechs und vier Jahre alten Söhne Bashir und Mohamed beim Malen aus. Im ersten Stock, der auch die Bar, die Küche sowie den Essenssaal beherbergt, haben Freiwillige einen Raum für die Kinder eingerichtet. Für die Älteren wird es später Sprachkurse geben: Englisch-, Arabisch und
einmal in der Woche auch Deutschunterricht.

Jetzt kümmern sich drei Frauen um die rund zwanzig Kinder, die sich an den runden Tischen die Sorgen von der Seele malen. Wo immer auf den Fluchtrouten Kindern Stift und Papier in die Hand gegeben wird, entstehen Bilder zwischen Zerstörung und Hoffnung: Blut, zerstörte Häuser, Familien mit Rucksäcken- doch ebenso viel Buntes, Blumen oder das Wort „Love“, für viele die erste englische Vokabel.

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Aliki Kosyfologou imWarenlager des Hotels

Sieben Stockwerke hoch führt das Treppenhaus des Hotels. Nach rechts und links gehen die Flure ab, überall ist der gleiche dunkelblaue Teppich verlegt. Auf dem Flur im vierten Stock spielen ein paar Jungs Fußball. An manchen Stellen hängt die Deckenverkleidung herab, die meisten Zimmertüren stehen zum Lüften offen. Ein Bettlaken im Türrahmen schützt die Familien vor den Blicken der Zimmernachbarn. Oben angekommen, verspricht die Dachterrasse einen weiten Blick über die Stadt. Aus Sicherheitsgründen ist der Zugang versperrt, nur zu festen Programmpunkten kommen die BewohnerInnen in den Genuss des Panoramas, das sich vor wenigen Jahren noch in das Gedächtnis unbeschwerter Urlauberseelen brannte.

Für Familie Khalaf und die anderen BewohnerInnen ist das Hotel dagegen zwar ein Ort der Gemeinschaft, ein sicheres, ja trotz seines provisorischen Charakters, Zuhause. Und doch kaum mehr als ein ungewollter Zwischenstopp auf einer Reise, die sie nie antreten wollten und deren Verlauf sie sich anders vorgestellt haben. Fast jeder hier hat Verwandte in Europa und versteht nicht, warum diese, nicht aber sie selbst dort einen Neustart wagen dürfen.

Seit vor zwei Wochen ein ähnliches Projekt in Thessaloniki gewaltsam geräumt wurde, steht dazu selbst das „Hotel City Plaza“ auf der Kippe und damit der Schutzraum den es den Geflüchteten bietet. Athens Bürgermeister Giorgios Kaminis nämlich, forderte von seiner Polizei ähnliche Aktionen. Aliki erzählt, die Regierungspartei Syriza habe das von ihr selbst verantwortete Vorgehen der Polizei im Norden des Landes verurteilt. So dass von den AktivistInnen kaum jemand glaubt, Tsipras würde in naher Zukunft auf die Hilfe verzichten, die Projekte wie das Hotel für seine Flüchtlingspolitik sind. Doch Aliki ergänzt: „Sollte man uns doch verjagen wollen, sind wir bereit uns zu wehren. Nicht mit Gewalt, hier leben schließlich Kinder. Aber vertreiben lassen wir uns nicht.“

Mindestens fünf, wahrscheinlicher aber sieben Monate werden die Menschen aus dem Hotel City Plaza auf ihre Weiterreise in ein anderes EU-Land warten müssen. Das Relocation-Programm, für das die meisten registriert sind, läuft mehr als schleppend. Auch, weil die EU bislang ganze 58 Menschen geschickt hat, um die überforderten griechischen Behörden bei der Registrierung zu unterstützen.

„Alles was wir wollen, ist eine Zukunft für unser Kinder“, sagt Abdul-Rahmidin schließlich und blickt nachdenklich aus dem Fenster seines Zimmers: „In Hazaka war das Leben am Ende unbezahlbar und die Schulen zwar geöffnet. Aber wer hinging, wusste nicht, ob er wieder nach Hause kommt.“ In Athen kommt er sicher nach Hause, wenn er nachmittags mit seinen Kindern im Park war. Ein wenig Struktur gibt ihm das, bei all der Langeweile, meint er: „Und am Wochenende fahren wir die sieben Stationen mit der Metro an den Strand. Jeden Samstag.“

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