Europa hat vor seiner eigenen Gleichgültigkeit kapituliert und das Lager in Idomeni geräumt. Zeit, für einen zweiten Brief an meine Freundin Wajd aus Idlib in Syrien.

Liebe Wajd,

Europa hat also beschlossen, Euch zu vergessen. Monatelang habt Ihr ausgeharrt, um der Welt zu zeigen, dass Ihr Euch noch nicht aufgegeben habt. Dass Ihr an diesem Leben hängt, von dem wir Menschen nur ein einziges haben und das im Grunde alles ist, was wir besitzen. Weder das Sterben auf den Straßen Deiner Heimat, noch tagelange Märsche über Grenzen oder gefährliche Bootsüberfahrten, stets begleitet von Furcht, haben Euch der Gewissheit beraubt, dass zu leben, etwas Kostbares ist.

Im Gegenteil, die Strapazen Eurer Flucht haben Euch vieles gelehrt, sie haben Botschafter des Wesentlichen aus Euch gemacht. In einer unwürdigen Situation seid Ihr Menschen geblieben, habt weiter gekämpft und Euren Stolz nie verloren. Nicht, als mich zitternde Männer in der Kälte um Schuhe baten, mit nichts an den Füßen, außer viel zu kleinen Frauen-Flipflops. Nicht, wenn Ihr mal wieder in voll gekotete Plastiktoiletten steigen musstet und auch nicht, als sich zwei Frauen nach Wochen getraut haben zu fragen, ob wir sie zum Duschen mitnehmen könnten.

Nein, das habt Ihr mich gelehrt, der Mensch verliert auch dann nicht seine Würde, wenn sie der Gleichgültigkeit eines ganzen Kontinentes preisgegeben wird. Das Lächeln in Deinen Augen erzählte mir von der Schönheit, die in einem jeden Menschen liegt. Einfach, weil er ist. Und die in so reiner Form erst zu Tage tritt, bleibt dem Menschen einmal nichts mehr, als sich in all seinem Sein, in all seiner Ehrlichkeit zu entblößen.

Doch Eure Kraft und Euer Stolz waren vergebens.

Vor wenigen Jahren noch war ich froh, in diesem Europa zu leben. Auf einem Kontinent, der nach Jahrhunderten der Barbarei zu Frieden gefunden hatte. Der, besonders in meiner Generation, wo ein Auslandsaufenthalt zum guten Ton gehört, immer wie ein Versprechen klang: Überwindung von Feindschaften ist möglich, Mauern können fallen und Deutsche und Italiener abseits des Fußballfeldes sogar Freunde werden.

Ja, ich war gerne Europäer. Sich als Europäer zu definieren hieß, eine Idee vom Menschsein zu bejahen: Aufklärung, Menschenrechte, Kulturkreise, die sich so sehr vermischen wie gegenseitig respektieren dürfen.

Heute aber bedeutet sich als Europäer zu definieren, das Eingeständnis, Teil einer großen Schande zu sein.

Vielleicht ging es nie um verstehen, um Neugier und um Gemeinschaft. Selbst der Drang meiner Generation, in die Welt hinaus zu fahren, entpuppt sich im Lichte der Gleichgültigkeit als bloßer Wunsch nach einem Eintrag in den Lebenslauf. Internationalität war bei uns vielleicht nie Ausdruck der Idee von Solidarität, auf jeden Fall aber ist sie es nicht mehr. Internationalität ist eine Marke, die man gerne trägt.

Europa war keine Befreiung aus einem Käfig, Europa war nur der Ausbau des Geheges. Doch der Mensch lebt wohl gerne hinter Zäunen. Er hat gelernt, nur sein zu dürfen, wenn er wird: erfolgreich, anerkannt, geliebt. Der Mensch hat verlernt sich selbst zu lieben. Die Idee von seinem eigenen Sein als etwas an sich Kostbarem. Da klafft ein Loch.

Und natürlich muss er es stopfen- mit Bedeutung, mit Sinn. Und was ist heute noch zu profan, um nicht in die Währung Sinn umgetauscht zu werden? Der Sommerurlaub auf Ibiza, der Stadionbesuch mit Kalle, die Kaffeemaschine, wenn sie nur aromatisch genug arbeitet, der Rasenmäher, wenn er nur teuer genug war. Der Mensch hält sich wacker, gestützt auf all seinen kleinen Sinngerüsten, denen nur eines fehlt: Die Substanz.

Das Sein als notwendiges, aber eben nicht hinreichendes Kriterium zur Selbstvergewisserung eint diese Sinngerüste. Und noch eines: Ihnen fehlt Richtung. So viel Leid Religionen über die Welt gebracht haben, theologisch ausreichend reflektiert, liegt in ihnen ein Schatz begraben, den man Moral nennt und den Kant seinerzeit heben und vom Staub der Offenbarung zu befreien versuchte. Moral gibt dem Menschen eine Richtung, verleitet zum Streben nach einem besseren Weltzustand.

Wenn aber das Streben fehlt und der Wert des Daseins sich nicht durch das Sein an sich erklärt, tritt der Mensch ein in den Kampf um Ressourcen. Ressourcen, die ihn werden lassen. Und er sieht seine Felle davon schwimmen, zumal in einer Verteilungslogik, die auf der Zustimmung beruht, das reine Sein als etwas Unzureichendes zu betrachten. Und in der Verteilung, entgegen der ursprünglichen Idee dieser Logik, noch nicht einmal gerecht, nach erbrachter Leistung also, funktioniert. Doch diese Ungerechtigkeit ist nur ein Fehler in einem System, das an sich auf einem Fehlschluss beruht.

In einem System, das den Menschen in einem Gefühl von Unzulänglichkeit hinterlässt und ihn ihm den Wunsch nach einem Leben hinter Zäunen nährt, wo Sinnressourcen nicht so schwer zu bekommen sind und Sinngerüste vermeintlich stabiler stehen. Anstatt sich der Schönheit der Welt zu öffnen, die Faszination zu entdecken, die in der Begegnung mit Menschen wie Dir liegt, reduziert er sich lieber auf achtzig Jahre Durchschleppen und verschwindet dann in einem Sarg. Ist ja auch nicht so schlimm, wenn man den Menschen keiner höheren Idee unterwirft, als seiner Fähigkeit, Rasenmäher zu bauen. Und zu benutzen.

Und so arrogant dieses Urteil vielleicht klingt, so sehr es von oben herab durch den Bildschirm schreit und so undifferenziert es von „dem Menschen“ spricht- irgendwas ist da draußen eben passiert. Hat uns kapitulieren lassen vor der Gleichgültigkeit. Sonst wärst Du vermutlich jetzt neben mir an meinem Schreibtisch und ich würde diesen Brief gar nicht schreiben. Vergangenen Montag hättest Du mit Deinen Geschwistern vielleicht Deinen ersten Schultag nach fast einem Jahr gehabt, Dich vielleicht schon das erste Mal über Mathe geärgert und Dich heimlich in deinen Deutschlehrer verliebt.

Aber so sitzt Du jetzt in Athen, kommst nicht voran mit dem Asylantrag, weil dem griechischen Staat 700 Beamte fehlen und fragst Dich, was das Leben Dir überhaupt noch bereithält. Und wenn in meiner Stadt das nächste Mal jemand die Wichtigkeit von Bildung betont und sich das nächste Mal jemand über den Ausfall von Schulstunden beklagt- dann werde ich lachen. Ganz laut lachen.

In Liebe,

Kristof

 

Foto: Wajd (bunter Hijab), ihre Familie und ich. Fotografiert von David Lohmüller ( davidlohmueller.com , @DavidLohmueller )

 

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