Monzer Haider ist aus Aleppo geflohen- und studiert jetzt als einer der ersten Flüchtlinge an der Uni Tübingen. Ein Ort, der für ihn zum Startpunkt für ein neu erdachtes Syrien werden soll.

Seinen Blick mal interessiert nach vorne gerichtet, mal doch wieder auf die Uhr, sitzt Monzer Haider im Halbdunkel des Hörsaals. Der aus Frankfurt zugeschaltete Professor referiert gerade über den sogenannten Islamischen Staat, die Studierendenschaft notiert eifrig mit. Nichts scheint Monzer von seinen KomilitonInnen zu unterscheiden an diesem Abend an der Universität Tübingen. Erst der Blick auf seinen Block verrät mehr: Seine Notizen macht Monzer auf Arabisch. Und das Land, dessen Schicksal der Professor bespricht, es ist seine Heimat.

Vor drei Jahren hat Monzer Aleppo verlassen. Dass der 24-jährige in Tübingen im zweiten Semester Politikwissenschaft und „Sprachen, Kulturen und Geschichte des Nahen Ostens“ studiert, bedeutet für ihn das vorläufige Ankommen nach einer bisweilen quälend langen Reise. Ob Revolution, Krieg, Flucht oder Integration- die Schlagwörter dieser, unsere Zeit bestimmenden Krise, sie könnten sämtlich als Überschriften herhalten für die Kapitel seiner eigenen Geschichte.

Schon als Monzer 2010 Abitur machte, ein Jahr vor der Revolution, bekam er die gesellschaftlichen Spannungen zu spüren, die seit der Machtübernahme durch den Assad-Clan immer stärker geworden sind und deren Ergebnis heute ein zertrümmertes Land ist: Freunde und Verwandte rieten ihm davon ab, Politik zu studieren, weil sie fürchteten, als Kurde könne Monzer in Schwierigkeiten geraten, würde er politisch aktiv. Er entschied sich für ein Jurastudium in seiner Heimatstadt Aleppo. Als kurz darauf im Süden des Landes die Demonstrationen gegen Präsident Baschar Al-Assad begannen, konnte Monzer sich schnell für die Ideen der erhofften Revolution begeistern: „Das war das erste Mal, dass wir über Politik diskutiert haben. Davor haben wir wie Tiere gelebt, haben funktioniert und gearbeitet, aber das Denken hat man uns nicht erlaubt.“, sagt er.

Viele junge Menschen sehen ihre Zeit gekommen und so ist die Universität auch der erste Ort, an dem in Aleppo demonstriert wird: „Irgendwann war die Uni zur Hälfte voll mit Polizei. Wir mussten extrem aufpassen.“ Der Geheimdienst, meint Monzer, habe manchmal gezielt versucht Diskussionen anzufachen, um ihnen regimekritische Sätze zu entlocken. Im März 2012 schließlich wird Monzer tatsächlich am helllichten Tag aus einem Bus gezerrt und festgenommen. Ein Freund hatte zu ihm gesagt: „Das mit der Polizei ist alles wegen Euch!“. Mit Euch meinte er die Demonstranten. Das verstand auch ein Mitarbeiter des Geheimdienstes, der ihn gemeinsam mit zwei Freunden abführen ließ. Zehn Tage verbrachte Monzer in einer Zelle, wurde mit verbundenen Augen befragt und musste miterleben, wie die Polizei Mithäftlinge folterte.

Durch einen einflussreichen Verwandten seines Freundes entkam er schließlich. Doch gerade der gesellschaftlichen Eliten wegen war es ihm unmöglich weiter in Aleppo zu studieren: Von seinen Kommilitonen aus der Rechtswissenschaft gehörten viele einflussreichen Familien an, die der Revolution zumeist mit Ablehnung begegneten. Er wurde zwar nie offiziell exmatrikuliert, die Uni aber konnte Monzer nicht mehr bedenkenlos betreten. Im Mai schließlich brach er gemeinsam mit seiner Mutter, seinen vier Schwestern und seinem Bruder in die Region um Afrin auf, wo seine Mutter in einem kleinen Dorf, direkt an der türkischen Grenze, aufgewachsen war. Von dort ging es nach zwei Monaten weiter in die Türkei.

In Tübingen sitzt Monzer nach der Vorlesung auf einer Bank vor der Universitätsbibliothek. Die Sonne scheint, ein bemannter Rasenmäher pflügt durch das hoch gewachsene Gras und verschlingt zum ersten Mal in diesem Jahr auch die frische Blütenpracht. Als Monzer von der Ankunft in der Türkei berichtet, beginnt er zu strahlen: „Wir waren frei, haben den ganzen Tag Nachrichten gesehen und diskutiert.“

Nach zwei Wochen verließ er das Land allerdings wieder. Dieses Mal alleine. Als syrischer Kurde in der Türkei zu studieren wäre nur schwer möglich gewesen, meint er. Viele Geflüchtete, die sich nach Europa aufgemacht haben, berichten von der Türkei als dem Ort ihrer unangenehmsten Erfahrungen- nicht erst, seit Erdogan an der Grenze auf Menschen schießen lässt.

Seine Tante Shukran Ali und ihr Mann Muharam, die beide seit 30 Jahren in Bonn leben, finanzierten seine Fahrt nach Deutschland. Ein befreundeter LKW-Fahrer nahm Monzer aus der Türkei mit bis nach Bonn. „Fünf Tage dauerte das und es war sehr anstrengend. Immer wieder musste ich mich verstecken, an jeder Grenze die Angst vor Polizeikontrollen.“, erzählt Monzer und fügt hinzu: „Am schlimmsten aber war, dass ich gar nicht weg wollte. Du wohnst dein ganzes Leben mit deiner Familie in einem Haus und plötzlich bist du alleine. Ich wusste ja nicht, was kommt.“

Was dann kam, war zunächst ein ständiges Hin- und her. Nach zwei Wochen bei seiner Tante, stellte er einen Asylantrag in Dortmund. Von dort schickte ihn die Polizei in eine Unterkunft nach Bielefeld, später weiter nach Karlsruhe und schließlich ins schwäbische Nürtingen. Mehrmals hatte er den Wunsch geäußert, in Bonn leben zu wollen, jedoch vergeblich.

Heute aber fühlt er sich wohl am Neckar. Die ersten Monate bemühte er sich, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen: „Ich bin jemand, der gerne seine Meinung äußert und das ging am Anfang nicht. Das hat mich sehr geärgert.“ Mittlerweile lebt Monzer bei einer befreundeten deutschen Familie im Ortsteil Reudern und hat die benötigten Prüfungen bestanden, um in Tübingen zu studieren.

Im Vergleich zur Orientierungslosigkeit der „Generation Praktikum“ allerdings, hat Monzer bereits ziemlich klare Vorstellungen davon, wohin ihn sei gewonnenes Wissen einmal führen soll: „Ich habe das Studium begonnen, weil ich Syrien wieder aufbauen will.“, sagt er. „Man muss vernünftig denken lernen und versuchen zu verstehen, warum das passiert. Das kommt nur durch ein Studium.“ Ständig kreisten seine Gedanken um die alte Heimat, erzählt Monzer: „Syrien ist wie ein Regenbogen. Syrien ohne Christen ist nicht Syrien, Syrien ohne Kurden auch nicht. Und ein Syrien ohne Muslime, ist auch kein Syrien.“ Er träumt von der Idee der Vielfalt des Menschen: „Ich glaube die Lösung ist, den Menschen als an sich wertvoll in den Mittelpunkt zu stellen. Der Mensch ist das Zentrale, nichts anderes.“

Und wenn es darum geht, die Idee eines vielfältigen, friedlichen Miteinanders zu entwickeln, hat Monzer ein Vorbild vor Augen: „Man glaubt nicht, dass hier zwei Weltkriege waren. So viele Kulturen, so viele Religionen und so viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern. Von Deutschland kann ich viel lernen.“, sagt er. Integration, so Monzer, sei nicht einfach ein Dienst an der deutschen Gesellschaft, aus Dankbarkeit heraus. Integration sei eine Chance, glaubt er und fordert sowohl die Politik als auch seine Landsleute: „Es sollte einen klaren Plan geben, wie Integration funktionieren soll. Und wir Syrer sollten uns auch bemühen. Wenn wir unter uns bleiben, lernen wir nichts. Wenn wir aber die Chance nutzen, können wir viel Gutes mitnehmen.“

Der Aufruf „Lies!“, Allahs Anweisung an den Propheten Mohammed, so erklärt Monzer, passe auch zu seinem Leben: „Ich versuche, in der Gesellschaft zu lesen.  Integration bedeutet, den anderen verstehen zu lernen.“ Anstatt durch die Brille der eigenen gesellschaftlichen Realität blickend, dem Gegenüber von vorne herein wertend zu begegnen, könne man sich auf die Realität des anderen einlassen, ihre Motive entdecken und die Ideen, die dahinter stünden. Und schließlich von ihnen lernen. Das gelte sowohl für Geflüchtete, als auch für Deutsche. Außerdem, sagt Monzer, heiße Integration natürlich auch, sich an das Grundgesetz zu halten.

Neben der Uni hilft Monzer als Übersetzter in Nürtingen und steht in engem Kontakt zur Stadtverwaltung. Seine Familie, die mittlerweile in Holland lebt, besucht er alle paar Monate. Nach Syrien aber hat er kaum noch Kontakt. Sein Freundeskreis ist zerstreut und Aleppo in den letzten Wochen einmal mehr ins Zentrum der Auseinandersetzungen gerückt- mit schweren Bombardements, die wieder einmal den Tod und mit ihm unermessliches Leid über die Menschen gebracht haben.

Der Rasenmäher fährt direkt an der Bank vorbei, auf der Monzer sitzt. Das Heulen des Motors durchbricht das Frühlingsidyll. Ob es noch Hoffnung gibt? Monzer ist sich sicher: „Es muss Hoffnung geben. Wenn ich nicht mehr hoffen kann, wieso sollte ich dann studieren? Ich glaube an das syrische Volk und das wir wieder zusammenfinden können.“ Sein nachdenklicher Blick schweift über die Wiese, Monzer schweigt, bis der Lärm vorübergezogen ist. Dann sagt er: „Weißt du, das Lächeln der syrischen Kinder ist verloren gegangen. Und unsere Aufgabe als Menschen ist es, ihnen dieses Lächeln zurückzugeben.“

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