Wajd aus Idlib in Syrien ist 17 Jahre alt und lebte zwei Monate lang im Flüchtlingslager Idomeni. Dort hat sie sich im Frühjahr mit dem Autor angefreundet.

Liebe Wajd,                                                                                                                                     05.04.2016

als ich gestern in Thessaloniki die Treppen zum Flugzeug hinaufstieg, da blickte ich mich um und sah ein Mädchen, vielleicht elf Jahre alt und in eine rote Jacke gehüllt, wie sie von einer Flugbegleiterin an die Hand genommen und zum Flugzeug geführt wurde.

Vielleicht dachte ich, vielleicht soll das selbstverständlich sein, will man mir weiß machen, dass diese Welt eine Welt sei, in der wir eine solche Szene einfach übersehen. Mir aber stiegen in diesem Moment Tränen in die Augen. In den letzten zweieinhalb Wochen habe ich eine Welt gesehen, in der eine solche Szene nicht nur wenig selbstverständlich, sondern unmöglich scheint. Auch die Kinder von Idomeni werden an der Hand geführt, vorbei an provisorischen Existenzen, gestrandeten Biographien und verdreckten Plastiktoiletten. Zu einem Flugzeug nach Deutschland aber führt sie niemand.

Und doch hat mir die Zeit hier und auch die Zeit mit dir und deiner Familie großes Glück beschert. Denn so sehr Idomeni ein Symbol fehlender Mitmenschlichkeit ist, so sehr ist dieser Ort selbst sein genaues Gegenteil. Die Herzlichkeit, mit der mir deine Familie begegnet ist, hat mich berührt. Und auch die Kraft, die ihr aufbringt, jeden Tag aufs Neue anzugehen, mit einem verlorenen Leben im Rücken, den widrigen Bedingungen der Gegenwart und ohne Zukunft in Sicht.

Ich habe heute Morgen deine Heimatstadt Idlib bei Google gesucht. Ich wollte zu deinen vielen Geschichten Bilder sehen, eine Vorstellung davon bekommen, wie diese Heimat aussieht, die du vermisst. Was für ein Haus das ist, in dem immer noch dein Buch auf dem Bett liegt, das du am Tag eurer Abreise gelesen hattest. Wie die Schule wohl aussehen könnte, in die du so gerne gegangen bist und die Straßen, die du mit deinen Freunden unsicher gemacht hast.

Doch es gibt diese Bilder nicht. Man findet nur Fotos von vermummten Kämpfern, von toten Körpern und von zerbombten Straßenzügen. Die Erinnerungen an ein friedliches Leben, die deine Mutter oft weinen lassen, ich hätte sie so gerne geteilt. Doch sie sind weit weg- selbst das Internet, das doch nichts vergisst, will sich nicht erinnern.

Anstatt in Idlib, lebt ihr jetzt in einem Zelt in Idomeni. Dieses Lager ist dreckig, der Ton oft genug rau und der Umgang manchmal verroht. So herzlich die meisten Menschen mir begegnet sind, so bedrückend ist die Atmosphäre hier ab und zu, ebenso wie die Ungewissheit, die sich wie ein Schatten über das Lager legt. Und doch habe ich in Idomeni etwas gesehen, dass ich an keinem Ort zuvor so gesehen habe wie hier: die Schönheit des Menschen.

Ein Weinen hier ist tiefe, ehrliche Verzweiflung. Von allen verstanden, weil von allen geteilt. Ein Lachen hier ist ein ehrliches Lachen, so unsagbar schön, weil es hier kaum etwas gibt, über das man sich freuen kann als über das Leben selbst. Über seinen Wert, den es besitzt, selbst wenn man verloren hat, was ihm vermeintlich einmal Wert verlieh.

Die Menschen fürchten nichts so sehr wie die Bedeutungslosigkeit und verbringen ihr ganzes Leben auf der Flucht vor ihr. Manche sehen ihr Leben einer höheren Macht unterworfen, einem Gott, andere nicht. Fast alle aber finden Bedeutung auch darin, sich von anderen Menschen abzuheben. Was ist der beste Abschluss wert ohne den schlechtesten, was der Chefposten ohne den Angestellten und wen beeindruckt ein gestählter Körper ohne den Bierbauch als Gegenmodell? Auch ich bin mir nicht genug, erkenne nur selten die Schönheit, die dem Leben innewohnt und es unabhängig von Siegen und Niederlagen wertvoll macht.

Die Menschen in Idomeni eint der Schnitt, den die Flucht für ihr Leben bedeutet. Das verlorene Zuhause, der aufgegebene Beruf- kurzum: der Verlust dessen, was dem Leben bisher Bedeutung verlieh. Fast hätte ich geschrieben: bis auf die Familie. Doch auch das trifft auf viele, Erwachsene wie Kinder, nicht zu. Und dennoch sitzen hier Menschen nachts ums Feuer, singen Lieder und bejahen das Leben. Und was sie bejahen ist tatsächlich nichts als das nackte Leben. Hier habe ich die Schönheit des Menschen das erste Mal freigeschaufelt gesehen von all den Überflüssigkeiten, die sie in meinem Leben begraben. Und sie hat mir gefallen.

Die Kraft, die ich an dir und den anderen so bewundere, sie braucht eine Quelle. Und ich glaube, dass euch die Kinder diese Quelle sind. Die Unbeschwertheit mit der sie durch die Zeltreihen toben, das Lächeln in ihren Gesichtern, die Energie, die sie versprühen, all das hält die Menschen am Leben und am Hoffen. Der deutsche Sänger Herbert Grönemeyer schrieb einmal die Zeilen: “Die Welt gehört in Kinderhände, dem Trübsinn ein Ende, wir werden in Grund und Boden gelacht, Kinder an die Macht.“ Als ich mich am Sonntag von Abdulazeez verabschiedet habe, sagte er zu mir: „Traurig zu sein, verändert nichts um dich herum. Es verändert nur dich.“ Wer lehrt euch diese Haltung, wenn nicht die Kinder.

Lange aber darf dieses Lager nicht mehr bestehen. Es ist eine Schande, dass man dich und alle anderen wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Und sicher würden mir die meisten Menschen zustimmen, würden sie dich kennen. Doch nicht jeder kann das, es gibt schlicht zu viele Menschen auf der Welt. Sie sind gezwungen zu kategorisieren. Und so verschwimmt dein Leben für die Menschen in Europa in einer Masse, die sie „Flüchtlinge“ nennen. Das macht es ihnen unmöglich, dir auf Augenhöhe zu begegnen, dein Schicksal als das ihre zu begreifen. Es ist leider sehr menschlich, unmenschlich zu sein. Dabei verdienst du dasselbe behütete Teenagerleben, wie ich es erleben durfte. So sehr wünsche ich mir, dass auch deine Schwierigkeiten vor allem in schlechten Noten bestünden, in nervigen Eltern oder der neuen Liebe deines Ex-Freundes.

Ich bewundere die Reife, die du schon mit 17 Jahren offenbarst, das du viel liest, Geschichten schreibst über die Liebe und das Verhältnis von Christen und Muslimen und dass du so begeistert nach einer Zukunft als Ärztin und Autorin strebst. Du bist ein tolles Mädchen, erkennt man doch die Tiefe eines Charakters, die Schönheit der Menschen nicht in ihren Heldentaten oder in den spektakulären Erlebnissen, die sie so gerne im Internet präsentieren. Man erkennt sie in den Fragen, die sie dem Leben stellen.

Das Leben hat dir die Chance genommen, einen vertrauten Ort als deine Heimat zu betrachten, dich gezwungen, Geborgenheit woanders zu suchen. Ich bin dankbar dafür, dass du, im Gegensatz zu vielen in Idomeni, deine Familie zur Seite hast. Wenn ich mir aber anmaßen würde, dir einen Ratschlag mit auf den Weg zu geben, wäre es vermutlich dieser: Versuche dir selbst eine Heimat zu werden. Das Leben, gerade wenn es sich so unbeständig zeigt wie deines, lässt sich nicht bändigen. Und es lässt sich oft nur ertragen, wenn du dir selbst genug bist, dein eigenes Zuhause.

Für mich bedeutet es viel, deine Familie und Dich kennen gelernt zu haben. Einen großartigen Menschen zu treffen, wie es sie auch in Idomeni so viele gibt, ist etwas Besonderes. Betrachte nur, wie unwahrscheinlich unsere Begegnung war: Nicht nur gibt es auf dieser Welt unzählige andere Orte, an denen man zur selben Zeit hätte sein können. Es liegen auch etliche Jahrhunderte vor und nach unserer Zeit, die dem Hier und noch mehr dem Jetzt unserer Tage etwas Verbindendes verleihen. Ich wünschte mir, dieses Verbindende erreichte auch jene Menschen, die über Eure Zukunft entscheiden. Bis dahin aber bleibt mir nichts, als Euch weiter Kraft zu wünschen.

Für unser Wiedersehen hoffe ich, dass es bald passiert. Und an einem anderen Ort. An einem Ort, an dem ihr zur Ruhe kommen könnt. Der euch eine Perspektive bietet und den ihr erst wieder verlasst, wenn Idlib von einem Ort des Sterbens, irgendwann wieder zu einem Ort des Lebens geworden ist. Und vielleicht liegt dann eines Tages immer noch das Buch auf deinem Bett und du kannst es zu Ende lesen. Als erwachsene Frau, geprägt zwar von einer zerrütteten Jugend, nicht aber zerbrochen.

In Liebe,

Dein Kristof

Advertisements